Gedankenspiel_1_artikel
Das Bluplay Gedankenspiel – Ausgabe 1
Bluplay startet ein neues Format, das "Gedankenspiel". Hier haben unsere Redakteure Gelegenheit, all ihre Gedanken zu einem Thema niederzuschreiben, das sie bewegt. Heute geht HiDef der Frage nach, ob im Angesicht von Preiskämpfen, Billigproduktion in Fernost und austauschbarer Technik noch Platz für echte High-End Komponenten im Heimkino ist.

 

 

Könnt Ihr euch noch an die Heimkino- und HiFi-Abteilungen von Früher im Media Markt erinnern? Gläserne Paläste, mit Böden aus Samt und erhellt von gediegenem Licht. Dort standen sie, formvollendete Lautsprecherskulpturen und Altäre für Männerträume aus Stahl und Elkos. Vor mehr als 15 Jahren waren die dort ausgestellten Komponenten für mein kleines Ich der Inbegriff von High-End.

 

 

Gut, in meiner Erinnerung wurde über die Jahre sicher das ein oder andere Detail verklärt. Aber dennoch kommt der geneigte HiFi-Fan nicht umhin, eine Ermattung in der Industrie zu spüren, was das Premium-Segment angeht. Im Media Markt oder Saturn sind solche Bereiche lange ausgestorben und spezialisierte Fachhändler, die mir dieses Erlebnis bieten können, kämpfen ums Überleben.

Die „Geiz ist Geil!“ Mentalität hat längst um sich gegriffen und es fällt zunehmend schwerer Produkte zu finden, die hochwertige Verarbeitung, Funktionalität und ein gewisses Flair vermitteln. Ist heute, in Zeiten der Wirtschaftskrise, Billig-Lohn-Produktion in China und einem Kräfteverhältnis auf dem Markt, das sich zu Gunsten einstiger Ramsch-Marken wie LG und Samsung verschoben hat, überhaupt noch Platz für High-End?

 

 

 

 

Ein Traum in Optik und Haptik.Sehen wir uns zwei ehemalige Vorzeige-

unternehmen der Branche etwas genauer an: Sony und Pioneer. Vor einigen Jahren – für mich als glühenden Pioneer Anhänger eine gefühlte Ewigkeit – waren die Beiden der Inbegriff für hochwertigste Technik. Sony stellte mit den Trinitron-Bildröhren eine Bestmarke nach der anderen in Sachen Bildqualität auf und ihre extravaganten Player erlangten weltweit große Berühmtheit. Der SCD-1 war in zweierlei Hinsicht wegweisend, denn Sony versah den ersten SACD Player der Welt mit einem handgeschmiedeten Gehäuse. 10.000 DM musste der geneigte Käufer für eines dieser Unikate berappen.

 

 

 

Pioneer, seinem Slogan entsprechend dem Klang, dem Bild und der Seele verpflichtet, machte insbesondere wegen seiner Kuro Plasma-TVs und Susano AV-Receiver von sich reden. Jedes Panel für einen dieser Fernseher wurde handverlesen und individuell kalibriert. Kaum ein anderer Hersteller betrieb jemals so einen Aufwand und hatte einen derart hohen Anspruch an seine Produkte. Der Lohn war eine Bildqualität, die bis zum heutigen Tag die Referenz darstellt – vier Jahre nach Einstellung der Produktion wohlgemerkt. Vom gleichen Geiste waren auch die Susano-Receiver beseelt.

Eine Instanz in Sachen Leistungsvermögen und Musikalität, an der selbst ausgewachsen Vor- und Endstufen-Kombs gemessen werden und manches mal scheitern.

 

 

Was ihr Produktportfolio angeht, sind sich Sony und Pioneer also nicht unähnlich. Die Gemeinsam-

keiten hören hier allerdings nicht auf. Denn beide Unternehmen sind heute nur noch ein Schatten ihrer einstigen Größe. Während Sony den Sprung ins Zeitalter der Flachbildschirme verpasst hat und bis heute, flankiert von vielen anderen Fehlentscheidungen im Management, daran zu knabbern hat, ist Pioneer am eigenen Perfektionismus  zerbrochen. Es ist eine Sache, den weltbesten HDTV zu fertigen und eine andere, die wirtschaftliche Rentabilität nicht aus dem Auge zu verlieren. Demgegenüber sind zwei südkoreanische Konzerne in den letzten 10 Jahren an die Spitze der Branche aufgestiegen. Samsung und LG haben es geschafft, ihr Billig-Image hinter sich zu lassen und heute zur ersten Wahl bei Otto-Normal-Verbrauchern zu werden, wenn es um HDTVs und Blu-ray Player geht. Firmenlogos, die sich einst nur in dunklen Ecken von Händlern wiederfanden, strahlen uns heute selbstbewusst in großen Lettern entgegen.

 

 

 

 

 

Wie haben die Südkoreaner das geschafft?

Nun, zum einen wurden sie durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen etablierter Marken aus Japan tatkräftig unterstützt. Zum anderen muss ihnen neidlos zugestanden werden, dass sie ein Gespür für zukünftige Trends und lukrative Deals entwickelt haben, welches japanischen Konzernen mittlerweile abgeht. Samsung und LG wirken frischer und aggressiver, was sich auch in der Preisgestaltung niederschlägt. Gewinne werden durch schiere Masse generiert, befeuert von billiger Produktion in China. Der Markt dankt es ihnen mit gewaltigen Absatzzahlen, denn vielen Verbrauchern ist der Preis weit wichtiger als das Fertigungsland oder das Unterstützen einer geliebten Marke. Oder anders formuliert: Mit uns Freaks lässt sich für einen Elektronik-Multi kein Schnitt machen.

 

 

Aber auch viele Freaks sind schon „schwach geworden“ und haben bereits mehrmals zum Produkt von der Stange gegriffen. Verübeln kann ich es ihnen nicht. Betrachtet man den schieren Leistungsumfang vieler Blu-ray Player, fallen kaum noch Unterschiede auf. Im Gegenteil, gerade was Formatvielfalt angeht, sind günstige Player nicht selten die Besseren. Aber auch die Wiedergabequalität hat einen Grad erreicht, an dem selbst Experten die Argumente für teurere Modelle ausgehen. Ein guter Player steht und fällt mit seiner Software, seine hochintegrierte Technik spielt die zweite Geige und ist zudem von Hersteller zu Hersteller sehr ähnlich. Wo früher speziell konfektionierte Platinen mit selektierten Bauteilen für den Unterschied zwischen guter und exzellenter Qualität sorgten, erledigt heute ein leistungsfähiger, von Fremdherstellern bezogener Chip diese Aufgabe genauso gut. Dank Massenprodution jedoch zu einem Bruchteil des Preises. Mit dieser Standardisierung ging auch ein Verlust von Alleinstellungsmerkmalen einer Marke einher. Mögen die Logos noch so verschieden sein, unter der Haube schlummert oftmals ein und dieselbe Plattform.

 

 

Wichtig für den Kunden sind da eher regelmäßige Software-Updates, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Günstige Player werden selten über den einjährigen Produktzyklus hinaus unterstützt, Premium-Modelle sind hier teilweise im Vorteil. Wer sich noch an den Blu-ray Start erinnert, wird allerdings auch nicht vergessen haben, wie schnelllebig heutige Standards sind. Einige Neuerungen sind selbst mit einem Firmware-Update nicht  mehr nachträglich zu integrieren. Auch manch ein Premium-Player gehört somit schnell zum alten Eisen, was den Sinn einer größeren Investition in Frage stellt.

 

 

Außerdem ist besagte hochintegrierte Technik ihrem Namen entsprechend extrem platzsparend in einem Gehäuse unterzubringen, was zu immer flacheren Playern führt. Genau diese flache Bauform ist vielen Freaks wie mir ein Dorn im Auge, denn ausladende, mächtige Gehäuse machen einen großen Teil der HiFi-Faszination aus. „Dank“ hochintegrierter Technologie sind sie aber obsolet und lediglich mit viel Luft gefüllte Augenwischerei. Dennoch ist diese Illusion aus gebürstetem Aluminium meiner Meinung nach weit schöner als die vielen Kunststoff-Flundern auf dem Markt.

 

Nichts desto Trotz konnten sich neben großen Herstellern von Massenware auch viele kleinere Unternehmen alter Schule etablieren, die sich allein über den High-End Anspruch definieren und Käufer gewinnen wollen. Hier steckt noch echte Handarbeit in den Produkten, nur erlesenste Materialien sind gut genug. Meist ist da aber mit den Alleinstellungsmerkmalen auch schon Schluss. Denn in Sachen Funktionsumfang muss der geneigte Käufer trotz Premium-Preis manch bittere Pille schlucken. Abstriche scheinen unvermeidlich, was High-End im Bereich der Blu-ray Player zum schlichten Formfaktor degradiert.

 

 

 

 

Der Formfaktor ist eine passende Überleitung zum TV-Segment, denn hier ist seit Jahren kein Merkmal entscheidender für Marketing-Strategen. Hauchdünne, rahmenlose Displays werden aktuell stärker denn je propagiert. Zweifellos ist eine erhabene Optik nicht unwesentlich für die Kaufentscheidung. Mittlerweile wird dieser Aspekt aber derart forciert, dass nicht länger die Form der Funktion folgt, sondern umgekehrt. Viele Käufer scheint der daraus resultierende Kompromiss für die Bildqualität nur wenig zu stören, zumal alle namenhaften Hersteller diesem Trend folgen, der seinen Ursprung – wie sollte es anders sein – in Südkorea hat.

 

 

Was aber nicht heißen soll, dass Samsung und LG lediglich mit äußeren Werten glänzen.

Tatsächlich hat Samsung, was die Bildqualität seiner Plasma-TVs angeht, mit dem Marktführer Panasonic in vielen Punkten gleichgezogen oder die Japaner sogar überflügelt. Besonders die geringe Neigung zum Nachleuchten wird in vielen Foren bei Samsung-Plasmas hervorgehoben, was nicht zuletzt für Videospieler ein ungemein wichtiger Punkt ist. Angesichts der Halbherzigkeit, mit der Samsung sein Plasma-Geschäft in der öffentlichen Wahrnehmung verfolgt, ein Armutszeugnis für die Japaner von Panasonic und so gar nicht „High-End“. Tatsächlich spielt Plasma wie LCD in den Zukunftsplänen von Samsung und LG lediglich eine untergeordnete Rolle, denn die heißersehnte Markteinführung von OLED steht kurz bevor. Was lange Zeit nur als Gerücht, Technologie-Studie und Handy-Display von sich reden machte, wird nun Realität. Schenkt man den Meinungen vieler Experten glauben, steht uns nicht weniger als eine Revolution bevor. Ich persönlich bin da zurückhaltender, aber das ist ein anderes Thema.

 

 

OLED ist wie kaum eine anderes Thema Sinnbild für die massiven Veränderungen im Kräfteverhältnis in der Industrie. Samsung und LG sind bei dieser Technologie absolut federführend, da sie bereits frühzeitig geforscht und investiert haben. Sei es der Smartphone-Sektor, in dem Samsung viele Erfahrungen mit organischen Displays sammeln konnte oder LGs Exklusiv-Deal mit Kodak, welcher ihnen mit einem Schlag die wertvollsten Patente für die Massenfertigung von OLEDs in den Schoß fallen ließ – Japan schaute zu und wirkte versteinert. Dementsprechend ist die OLED Markteinführung für den HDTV Bereich ein Wachwechsel im doppelten Sinne. Während zu Beginn des digitalen Zeitalters die Grundlagen für die LCD- und Plasma-TVs von heute noch in Japan gelegt wurden und Südkorea im Verbund mit China “lediglich” durch die Massenproduktion bereits ausgereifter Technik ihre dominante Marktposition erlangten, liegt nun sowohl die Massenfertigung als auch Technologieführung in den Händen von Samsung und LG.

 

 

Ihre diesjährigen OLEDs scheinen Premium-Preis mit Referenz-Technik, Design und wertiger Verarbeitung verbinden zu wollen. Vielleicht ein Zeichen für die Erkenntnis beider Konzerne, dass wir, die Freaks, zwar nicht für den Löwenanteil des Gewinns verantwortlich sind, uns jedoch eine essentielle Rolle für den Aufbau der Reputation einer Marke, ihrem Prestige, zukommt. High-End hat dementsprechend auch zukünftig seinen Platz bei Fachhändlern rund um den Globus, auch wenn uns die Markennamen anfangs noch etwas ungewohnt in dieser Klasse erscheinen werden.

 

 

 



Kyanu
17. Juli 2012 um 23:42 Uhr

Du triffst den Nagel auf den Kopf werter Kollege. Ganz tolle erste Bluplay-Kolumne.

Ich habe auch schon so oft Menschen erlebt, die sich Bilder, also Fotos von TVs, ansahen und dann beurteilten wie schick denn dieser und jener TV seien. Ich stand nur kopfschüttelnd daneben und dachte mir:
“Schaut euch doch lieber mal das Bild an, dass der TV produziert. Entscheidet doch mal nach Qaulität und nicht nach Aussehen!”

Für mich gilt immer noch das Mercedes-Motto und das schon lange vor der Werbekampagne des Automobilherstellers: Das Beste, oder nichts.

HiDef
17. Juli 2012 um 23:59 Uhr

Man könnte auch ganz reißerisch sagen, dass Unwissenheit ein Segen für Kunden wie Hersteller ist. Während sich der Otto-Normal-Verbraucher über seine neue Flutlicht-Flunder mit Plakatfarben freut, reiben sich Marketing-Strategen die Hände, weil sie dem ungebildeten Kunden eine alte Technik (LCD) mit legaler Irreführung (LED-TV) teuer zweimal verkaufen können. Und so lange in den einschlägigen Medien fröhlich zugearbeitet wird (jüngstes Beispiel heute Galileo auf Pro7 -> Was ist besser? LCD oder LED?) wird sich daran auch nichts ändern.

Ich habe im Bekanntenkreis nicht selten die Erfahrung gemacht, dass Aufklärung gar nicht erwünscht ist bzw. mit schiefen Blicken honoriert wird. Seine (Fehl-)Investition will man freilich verteidigen. Ich sage aus diesem Grund mittlerweile unverblümt, was ich von neuen Anschaffungen halte. So viel bin ich meinem Hobby allgemein und Samsungs Marketing-Abteilung im Speziellen schuldig…

Kyanu
18. Juli 2012 um 08:33 Uhr

Ich würde es nicht Mal nur ungebildet nennen, sondern fast ignorant. Es interessiert die meisten ja nicht die Bohne, sie werfen einfach der Firma das Geld in den Rachen, dessen Modell für sie am schönsten erscheint. Es kann aber auch meine Mentalität sein, dass wenn ich mir etwas zulege, ich vorher seehr lange recherchiere, mich wenn nötig auch etwas bilde in diesem Gebiet und dann erst Preise vergleiche und abwäge.

Gronka
18. Juli 2012 um 09:58 Uhr

Top Kolumne! Du hast ein doch recht technisches und “trockenes” Thema sehr schön und verständlich rüber gebracht. Auf die OLEDs bin ich auch sehr gespannt. Mal abwarten, wie die Einführung so läuft.

HiDef
18. Juli 2012 um 13:44 Uhr

Vielen Dank für dein Lob Gronka. Gerade der von dir genannte Aspekt der Zugänglichkeit ist mir bei Artikeln zum Thema Heimkino enorm wichtig und stets eine kleine Gratwanderung.


Schreib einen Kommentar

Du musst eingeloggt sein um einen Kommentar zu schreiben.